... 1956 - Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft...

Das Jahr versprach nicht gerade als ein Friedensjahr in die Geschichte einzugehen. Der kalte Krieg eskalierte weiter. Die Grüundung der "Nationalen Volksarmee" der DDR und die Verabschiedung der Wehrergänzung zum Grundgesetz im westlichen Deutschland ließen klarwerden, wo die Fronten verliefen. Nein, Vorboten des Friedens waren das nicht. Zwar waren in Deutschland die Zerstörungen des Krieges schon so gut wie beseitigt, aber man war freilich immer noch damit beschäftigt, die Städte wieder in ihrem alten Glanz auferstehen zu lassen, damit das Wirtschaftswunder vollen Einzug halten konnte. Daß die Stuttgarter in diesem Jahr außerdem den Fernsehturm fertigstellten dürfte keinen fleißigen Schwaben überraschen. Diesem Fleiß ist es dann letztendlich auch zu verdanken, daß in Tailfingen ein Ferienwaldheim ins Gespräch gebracht wurde...

Am 16. April 1956 weiß Pfarrer Erhard Eisenmann in einer Kirchengemeinderatssitzung von zwei Baracken zu berichten, die von der evangelischen Gesellschaft in Stuttgart gegen ein geringes Entgeld zur Verfügung gestellt würden. Die Baracken würden bis zum 15. Juni geräumt und müßten dann baldmöglichst abgebaut werden, da sie auf einem Trümmergelände standen, das wieder bebaut werden sollte. Vertreter von Kirche und Gemeinde bescheinigten den Gebäuden vor Ort einen guten Zustand.

Es handelte sich dabei um zwei Baracken aus einer Schweizer Spende aus den Jahren 1946/47, die an die Verwendung für Zwecke der kirchlichen Jugendarbeit gebunden ist. Das eine Gebäude beherbergte bis dahin eine Küche, sanitäre Anlagen und einen Essensraum für 80 Personen. Mit 7 x 19m versprach es genug Raum, um auch ganze Horden von Kindern darin unterzubringen. Die zweite Baracke mit 7 x 15m bot zu der Zeit Platz für einen Aufenthaltsraum, eine Nähstube und eine Schuhmacherei.

Noch in dieser Sitzung wurde ein vorbereitender Ausschuß gebildet, der die Voraussetzungen für eine Aufstellung der Baracken in Tailfingen eingehend prüfen soll. Der Stein war am Rollen. Eine Idee war auf den Weg gebracht. Eine Idee, die von Anfang an Unterstützung von vielen Seiten bekam. Schon in der nächsten Sitzung am 14. Mai konnten konkrete Ergebnisse vorgezeigt werden. Von der evangelischen Gesellschaft in Stuttgart wurde die Überlassung der beiden Baracken ausgesprochen. Auch die Platzfrage war weitgehendst geregelt.

Für die Aufstellung in Frage gekommen waren der Markenberg oder der Untere Berg. Daß die Entscheidung letztendlich für den Unteren Berg fiel ist der Tatsache zu verdanken, daß diese Lage einen leichteren Elektrizitäts- und Wasseranschluß versprach und nicht zuletzt auch eine gute Erreichbarkeit sowohl von der Stadtmitte als auch von Langenwand aus. Der CVJM Tailfingen war bereit, dem Bau des Ferienwaldheims auf dem eigenen Gelände zu zuzustimmen. Ein Ortstermin am 29. Mai 1956 in Begeleitung eines Vertreters der Arbeitsgemeinschaft evangelischer Ferienwaldheime bestätigte die ausgezeichnete Eignung des Unteren Bergs für die Errichtung eines Erholungsheims. Gelände, Umgebung und Aussicht wurden als "außerordentlich günstig" bezeichnet. Allerdings wurde für den Bau eine Stelle westlich vom CVJM-Gelände als geeigneter erachtet. Und so ergab sich in der Kirchengemeinderatssitzung vom 7. Juni:

Natürlich war auch die Kostenfrage nicht unerheblich. Doch man konnte mit Hilfe von staatlicher Seite wie auch von der Stadt rechnen. Schon in der Sitzung vom 16. April wurde bemerkt:

Doch nicht nur politische Gründe motivierten Staat und Öffentlichkeit zur Unterstützung. Ein Artikel der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" zum Jahreswechsel 55/56 löste starke Unruhe in Medien und Bevölkerung aus. Darin wurde von zunehmenden sozialen Problemen Jugendlicher berichtet und eine tiefe Besorgnis über die sogenannten "Halbstarken" ausgesprochen. Man erkannte eine ernsthafte Gefahr für die Gesellschaft, die "schlimmer als die Atombombe" sei, wenn die "Verwahrlosung und Verrohung" anhalte. Ob die darin ausgemachte "Verwahrlosung" nur die übliche Skepsis der älteren Generation gegenüber der jüngeren war, sei einfach einmal dahingestellt. Tatsache war, daß in den Nachkriegsjahren und noch lange danach viele Kinder auf sich selbst gestellt waren, da beide Elternteile berufstätig waren oder Mütter ihre Kinder allein erziehen mußten, weil die Väter im Krieg gefallen oder in Gefangenschaft geraten sind. Und so wollte das Waldheim nicht zuletzt auch eine erzieherische Aufgabe übernehemen. Das Waldheim sollte den Kindern dabei helfen, während der Sommerferien sinnvoll beschäftigt zu sein und trotzdem Urlaub erleben zu dürfen. Und so war in einer Eingabe des Kirchengemeinderats an die Stadtverwaltung vom 15. Mai dann auch zu lesen:

Diese Eingabe ging mit der Bitte an die Stadt um Unterstützung zum Bau des Ferienwaldheims auf dem Unteren Berg einher.

Fortan war das Stadtbauamt Tailfingen mit der Planung und Durchführung der Arbeiten für den Wasser- und Stromanschluß, der Instandsetzung der Zufahrtswege, und natürlich der Aufstellung der Baracken an sich betraut. Hilfe war außerdem für den Abbau und den Transport der Baracken von Stuttgart nach Tailfingen nötig. Die endgültigen Baupläne für das Waldheim stammen vom Juni 1956. Man muß den zuständigen Leuten durchaus eine flotte Bearbeitung und Engagement zusprechen.

Und so begann man noch im Frühjahr mit den Fundamentierungsarbeiten. Der Keller unter den Baracken sollte eine Küche mit notwendigen Nebenräumen sowie die Duschen und die Heizung beherbergen.

DM 5000,- konnte die Kirchengemeinde Tailfingen aus eigenen Mitteln bereitstellen, DM 10000,- wurden vom Gemeinderat als städtische Hilfe zugesprochen. Der Rest der insgesamt etwa 50000 DM Baukosten kamen aus verschiedenen Quellen, so z.B. Beihilfen aus Bundesjugendmitteln und nicht zuletzt kräftige Spenden der örtlichen Wirtschaft. Daß diese Unsumme nicht aus der Portokasse bezahlbar war, wird spätestens dann offensichtlich, wenn man bedenkt, daß der durchschnittliche deutsche Privathaushalt etwa DM 400,- pro Monat zu Verfügung hatte.

Die Arbeiten waren im Sommer 1956 immerhin soweit gediehen, daß die erste Waldheimfreizeit auf dem Unteren Berg in Taifingen stattfinden konnte. Mit 23 Mitarbeitern und 90 Kindern startete das Waldheim Tailfingen unter Leitung von Dieter Hahnkamp mit noch sehr behelfsmäßiger Unterbringung. Die Bauarbeiten waren natürlich noch weit davon entfernt, abgeschlossen zu sein. Die ganze rechte Flanke des Waldheims, in der auch der Küchentrakt zu finden gewesen wäre, war noch nicht fertiggestellt. Und so blieb der Küchenmannschaft nichts anderes übrig, als die Speisen im Freien zuzubereiten. Allen Widrigkeiten zum Trotz war ein Jahr später in der "Schmiecha-Zeitung" zu lesen:

Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft eben...

... 1957 - Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnahmen...

Endlich war es soweit: das Waldheim Tailfingen war fertiggestellt. Die kleinere Baracke bildete den linken Trakt. Darin waren drei kleinere Räume, ein großer Tagesraum, der in den Plänen als Unterrichsraum aufgeführt war, sowie das Büro untergebracht. Die große Baracke, der rechte Flügel des Waldheims, bestand aus zwei großen Schlafsälen, dem Speise- und Aufenthaltsraum, sowie einem Materialraum. Zu einem ganzen verbunden waren die beiden hölzernen Baracken durch ein gemauertes Teilstück in der Mitte, das den Eingang und die sanitären Anlagen beinhaltete. Das ganze stand sicher auf einem festen Fundament. In diesen Kellergewölben waren die großzügige Küche sowie die Duschen untergebracht. Außerdem war noch Platz für einen großen Garagenraum, die Heizung und einen weiteren Mehrzweckraum. Da keine direkte Verbindung zur Kanalisation bestand, wurde eine eigene Klärgrube direkt hinter dem Haus, unmittelbar am mittleren Trakt bei den sanitären Anlagen, unterirdisch angelegt. Mit zwei Metern Breite, fünfeinhalb Metern Länge, drei Metern Tiefe und einem Sickerschacht 10m entfernt im Wald war die Anlage ausreichend für die Abwässer von 60 Personen geplant, was sich allerdings als hoffnungslos unterdimensioniert herausstellen sollte.

Am 14. Juli 1957 auf der großen Einweihungsfeier konnte man das Schmuckstück dann betrachten. Selbst Pfarrer Stark, der das Ebinger Waldheim leitete, sprach davon, Neid empfinden zu müssen. Tatsächlich war mit dem Tailfinger Waldheim ein Bauwerk gelungen, das sich ganz vorzüglich indas Landschaftsbild einfügte, ohne seine Zweckmäßigkeit einbüßen zu müssen. An der Einweihungsfeier namen auch Bürgermeister Schöller, Vertreter des Gemeinderates sowie der Stadtverwaltung und Dekan Schlosser, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Ferien- und Waldheime, teil. Mit Kaffee, Kuchen, Wurst und Wecken wurde die Schlüsselübergabe gefeiert. Am nächsten Tag konnte man in der Zeitung lesen:

Ohne allzuviel vorweg zu nehmen: es blieb bestimmend für alle darauf folgenden Freizeiten.

Vom 29. Juli bis zum 24. August 1957 fand unter Leitung von Herrmann Wahl die zweite Waldheimfreizeit statt. Diesmal nicht mit behelfsmäßig aufgestellten Baracken. Dieses Mal durften sich 200 Kinder und 45 Mitarbeiter auf nagelneue Räumlichkeiten und eine komplett eingerichtete Küche freuen. Dieses Jahr wurde auch der große Dampfdruckkessel in Betrieb genommen. DM 4671,- kostete das gute Stück. Eine Investition, die sich gelohnt haben dürfte: der "Kowa-Elektroden-Speisekochkessel" verrichtete seinen Dienst bis zur Renovierung 1995 und hat Generationen von Waldheimkindern Mittagessen beschert. So gesehen ist er der dienstälteste Waldheimmitarbeiter!


Kowa-Elektroden-Speisekochkessel